Erklärungen

Nachfolgend werden einige politikwissenschaftliche Theorien und Konzepte vorgestellt und kurz erklärt.


Konfliktlinien

Die Theorie der Konfliktlinien (auch Cleavages genannt) von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan erklärt die Struktur von Parteiensystemen aus dem Vorhandensein von bestimmten gesellschaftlichen Grundkonflikten: Zentrum vs. Peripherie, Staat vs. Kirche, Land vs. Stadt und Kapital vs. Arbeit.

Diese vier grundlegenden Divergenzen entstanden im Zuge zweier Revolutionen. Die Nationale Revolution mit der Entstehung des modernen Nationalstaates verursachte den Konflikt zwischen dem staatsbildenden Zentrum und der von diesem kulturell, sprachlich oder ethnisch abweichenden peripheren Bevölkerung. Eine zweite Konfliktlinie konstituierte sich, als der Staat mit den Kirchen um die soziale Oberherrschaft rang. Der Industriellen Revolution entsprang zunächst der Widerstreit von Bauern auf dem agrarisch geprägtem Land und Unternehmern in der Stadt. Die wachsende Ungleichheit infolge der Industrialisierung erzeugte schließlich die Konfliktlinie zwischen Kapital und Arbeit.

Laut Lipset und Rokkan bestimmen ebendiese Grundkonflikte über ihren eigenen historischen Ablauf hinaus die Struktur von Parteiensystemen. Sie „frieren“ ein und spiegeln damit die grundlegenden gesellschaftlichen Konfliktlinien der Vergangenheit wider. Allerdings wird seit Ronald Ingleharts These von der Entstehung einer fünften Konfliktlinie des Materialismus vs. Postmaterialismus über ein Auftauen der Parteiensysteme diskutiert. Nach Inglehart hat sich mit der Zeit und steigendem ökonomischen Wohlstand eine Abkehr der Bürger von rein materialistischen Werten (wie Sicherheit, Wohlstand, Ordnung) hin zu postmaterialistischen Werten (wie Ökologie, Gleichberechtigung, politischer Partizipation) entwickelt. Zuletzt wird in diesem Weblog eine mögliche neue Konfliktlinie unter Außenpolitische Öffnung vs. Isolation gefasst, der Widerstreit um die Öffnung gegenüber Zuwanderung und Globalisierung oder der Integration in supranationale Organisationen wie die Europäische Union auf der einen Seite und eine isolationistische Haltung andererseits.

Zur Übersetzung ins Politische gehen die beteiligten Streitgruppen Allianzen mit Parteien ein, die dann ihre Interessen vertreten:

Konfliktlinie

Parteien

Zentrum-Peripherie

Regionalisten, Separatisten

Staat-Kirche

Liberale

Christdemokraten

Land-Stadt

Agrarparteien

Kapital-Arbeit

Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten

Materialismus-Postmaterialismus

Ökologisten

Sonstige

Außenpolitische Öffnung – Isolation

Rechtspopulisten

Ostmitteleuropäische Konfliktlinien

Durch die Erfahrung der kommunistischen Diktaturen bildeten sich in den Ländern Ostmitteleuropas eigene Konfliktlinien. Sie betreffen den Umgang mit der Vergangenheit, das kulturelle Verhältnis und den Modus der wirtschaftlichen Transformation.

Durch die Revolution gegen das diktatorische Regime bildete sich die Konfliktlinie der kommunistischen Verteidiger gegen die antikommunistischen Gegner des vergangenen Systems. In seiner schwächeren Form existiert dieser Konflikt heute als Diskussion um die Beurteilung der Vergangenheit und deren Bewältigung. Die zweite Konfliktlinie beschäftigt sich mit dem kulturellen Zwiespalt zwischen einer liberalen, „westlichen“ Gesellschaft mit starker Anbindung an EU sowie USA und einer traditionellen, nationalen Geselllschaft. Der Widerstreit um die richtige wirtschaftliche Transformationsstrategie stellt schließlich die dritte spezifische Konfliktlinie dar. Hier stehen sich die Durchsetzung der Marktwirtschaft mittels wirtschaftsliberaler „Schocktherapie“ und die sozialverträglichere Umgestaltung in Begleitung von Eingriffen des Staates gegenüber.

Literaturempfehlungen:

Inglehart, Ronald (1977): The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles Among Western Publics, Princeton.

Lipset, Seymour M./ Rokkan, Stein (1967): Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments: An Indtroduction, in: Lipset, Seymour M./ Rokkan, Stein (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives, New York u.a.O., S. 1-64.

Berndt, Uwe (2001): Ostmitteleuropa -neue cleavages, neue Parteien, in: Eith, Ulrich/ Mielke, Gerd (Hrsg.): Gesellschaftliche Konflikte und Parteiensysteme. Länder- und Regionalstudien, S. 157-170.


Parteifamilien

Klaus von Beyme beschäftigt sich mit der Genese von Parteien und Parteiensystemen, indem er in einer historisch-soziologischen Analyse die Entstehung von Parteien als antagonistische Konfliktgeschichte auffasst und daraus eine Typologie der Parteifamilien entwickelt. Hierbei entstehen, ähnlich zu Lipsets und Rokkans Theorie, die Parteien als Protestbewegung gegen herrschende Verhältnisse.

Liberale entstanden aus der Ablehnung gegen das alte Regime von Monarchie und Aristokratie, dem sie ihre Vorstellung von rechtlicher Gleichheit sowie sozialer und wirtschaftlicher Freiheit entgegensetzten. Ebendieses alte Regime brachte die Konservativen hervor, welche einen starken und souveränen Staat mit gesellschaftlichem Traditionalismus sowie, in jüngerer Zeit, wirtschaftlicher Freiheit verbinden. Gegen das bürgerliche System, das die entstehende Arbeiterschaft benachteiligte, bildeten sich die Arbeiterparteien, die als Sozialisten oder Sozialdemokraten dem Staat eine wichtige Rolle in der Ökonomie zuschreiben und für wohlfahrtsstaatliche Politik eintreten. Agrarparteien kamen aus dem Protest der bäuerlichen Bevölkerung gegen das industrielle System heraus auf. Wie die Agrarparteien sich gegen die städtische Industrie wendeten, so entstanden regionale Parteien, die das zentralistische System der Nationalstaaten ablehnen. Die zunehmend säkularisierte Gesellschaft stieß auf den Widerstand der christlichen Parteien, die einen gesellschaftlichen Konservatismus vertreten, aber ökonomisch für soziale Marktwirtschaft werben. Aus Protest gegen das bürgerliche System und die als bloße Reformisten bezeichneten Sozialdemokraten formierten sich die kommunistischen Parteien, die anfangs die Nationalisierung von Produktionsmitteln und Land im Zuge des Klassenkampfes anstrebten und sich später oftmals zum gemäßigt wohlfahrtsstaatlichen Eurokommunismus wandelten. Faschistische Parteien bildeten sich gegen die etablierten demokratischen und liberalen Systeme und blieben meist als rechtsextreme Parteien erhalten. Die Protestparteien des Kleinbürgertums oder rechtspopulistischen Parteien wenden sich gegen den bürokratischen Wohlfahrtsstaat und Migration. Zuletzt nennt Beyme die Parteien der Ökologischen Bewegung, welche die Wachstumsgesellschaft kritisieren. Zusätzlich zu diesen Parteifamilien wird eine elfte, jene der linkspopulistischen Parteien, diskutiert, die gegen den Umbau des Wohlfahrtsstaates opponiert.

Literaturempfehlungen:

Beyme, Klaus von (1984): Parteien in westlichen Demokratien, München u.a.O.

Detterbeck, Klaus (2011): Parteien und Parteiensystem, Konstanz, München.


Effektive Parteienzahl

Es gibt viele Möglichkeiten die Anzahl von Parteien in einem Parteiensystem zu berechnen. Die einfachste Methode ist sicherlich, schlicht alle vorhandenen Parteien zu zählen. Dabei wird man jedoch in den meisten Ländern zu einem hohen Ergebnis kommen, ohne damit etwas Wesentliches über das Parteiensystem aussagen zu können.

Der nächste Schritt wäre, nur die für das System wichtigen Parteien zählen. Aber welche Parteien können überhaupt als relevant angesehen werden? Nach Giovanni Sartori müssen Parteien dafür eine von zwei Bedingungen erfüllen. Sie müssen entweder Koalitionspotenzial haben, das heißt für eine Koalition notwendig und mit ihr ideologisch kompatibel sein, oder sie müssen Erpressungspotenzial besitzen, also durch ihre Anwesenheit im Parteiensystem die Richtung des Parteienwettbewerbs verändern (rechts-links, zentrifugal-zentripetal). Eine gemäßigte zentristische Partei würde demnach zählen, weil sie hohes Koalitionspotenzial hat. Eine radikale Partei ohne Koalitionsmöglichkeiten zählt hingegen nur dann, wenn ihre Anwesenheit das gesamte Parteiensystem verschiebt. Damit ist geklärt, welche Parteien gezählt werden müssen. Es bleibt aber die Frage, wie diese gezählt werden sollen.

Markku Laakso und Rein Taagepera schlagen mit der effektiven Parteienzahl eine einfache und intuitiv verständliche Berechnungsmethode vor. Relevant sind zunächst einmal alle Parteien, die tatsächlich Sitze im Parlament gewonnen haben. Ihnen geht es nun darum, die Parteien nicht einfach nur abzuzählen, sondern die Relation ihrer Bedeutung zu berücksichtigen. Eine Partei, die 50 % der Sitze gewinnt, ist eben bedeutender für das Parteiensystem als eine mit nur 5 %. Ihre effektive Parteienzahl (N) ist dann gegeben durch

N = 1 ÷ (∑ si2)

Die Variable s meint den Anteil der Sitze von Partei i bei der Wahl. Diese Anteile werden quadriert und aufsummiert. Die Berechnungsmethode hat den Vorteil, dass sie leicht erfassbar ist. Ein Parteiensystem mit zwei Parteien, die jeweils 50 % der Sitze erhalten (also: N = 1 ÷ (0,52 + 0,52)) hat eine effektive Parteienzahl von 2, weil beide Parteien gleich stark sind. Gewinnt eine Partei hingegen 75 % der Sitze, die andere nur 25 % (also: N = 1 ÷ (0,752 + 0,252)), dann beträgt die effektive Parteienzahl 1,6, da die erste Partei deutlich stärker ist.

Literaturempfehlungen:

Laakso, Markku/ Taagepera, Rein (1979): „Effective“ Number of Parties. A Measure with Application to West Europe, in: Comparative Political Studies 12: 1, S. 3-27.

Sartori, Giovanni (1976): Parties and party systems. A framework for analysis, Cambridge.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s