Kommentar Politikwissenschaft: Die Disproportionalität des britischen Wahlsystems

Das britische Wahlsystem weist einen hohen Verzerrungsgrad bei der Übertragung von Stimmenanteilen in Sitzanteile auf. Das wird als Disproportionalität des Wahlsystems bezeichnet. Im Folgenden wird dieses Phänomen anhand der Unterhauswahl 2015 erläutert und kritisch diskutiert. Es wird argumentiert, dass die Disproportionalität gewünschter, mehrheitsschaffender Teil des Wahlsystems ist, aber vor allem in jüngerer Zeit zu starken Verzerrungseffekten bei der Repräsentation kleinerer Parteien führt.

Wahlsysteme verfolgen unterschiedliche Repräsentationsziele. Während Mehrheitswahlsysteme auf das Zustandekommen einer regierungsfähigen Mehrheit im Parlament abzielen, streben Verhältniswahlsysteme eine möglichst exakte Vertretung der Wählerstimmen im Parlament an. Unter Einbeziehung verschiedener Kontextfaktoren wirken Wahlsysteme auf ihr Repräsentationsziel hin (Nohlen 2009: 450-463). Das Wahlsystem des Vereinigten Königreichs ist die relative Mehrheitswahl in Einpersonenwahlkreisen und damit auf die Erzeugung einer stabilen Mehrheit im Parlament ausgerichtet. Durch dieses Wahlrecht werden Parteien mit regionalen Hochburgen bevorzugt.

Tabelle 1: Stimmen- und Sitzanteil 2015

Partei

CON

LAB

SNP

LD

DUP

SF

PC

SDLP

UUP

UKIP

GP

Sitze

331

232

56

8

8

4

3

3

2

1

1

Stimmenanteil

36,9

30,4

4,7

7,9

0,6

0,6

0,6

0,3

0,4

12,6

3,8

Sitzanteil

50,9

35,7

8,6

1,2

1,2

0,6

0,5

0,5

0,3

0,15

0,15

Anmerkung: Angaben in Prozent. Eigene Berechnung nach BBC (http://www.bbc.com/news/election/2015/results).

Bei der Wahl 2015 gewann die Schottische Nationalpartei (SNP) mit nur 4,7% Stimmenanteil 8,6% der Sitze (56 von 650 Sitzen) und die Konservative Partei (CON) erreichte mit 36,9% der Stimmen die absolute Mehrheit von 50,9% der Sitze (331 von 650 Sitzen). Auf der anderen Seite erlangte die Unabhängigkeitspartei des Vereinigten Königreiches (UKIP) mit einem Stimmenanteil von 12,6% lediglich einen Sitzanteil von 0,15% (1 Sitz).

Dieses Verhältnis von Stimmen- und Sitzanteilen lässt sich mithilfe des Index der Disproportionalität nach Gallagher (Gallagher 1999: 40) ausdrücken.

G = √((1/2) × ∑(vi – si)²)

Dabei ist vi der Stimmenanteil und si der Sitzanteil der i-ten Partei. Der Index gibt an, wie disproportional die Umsetzung von Stimmenanteilen in Sitzanteile ist. Beträgt er 0, so entspricht der Stimmenanteil dem Sitzanteil.

Tabelle 2: Gallagherindex der Disproportionalität bei Unterhauswahlen

Jahr(e) der Wahl

1945-1996

1971-1996

1997

2001

2005

2010

2015

Gallagherindex

10,3

14,7

16,5

17,8

16,7

14,9

15,1

Quelle: Für die Daten von 1945-1996 und 1971-1996: Lijphart 1999: 313. Rest: Eigene Berechnung.

Die Disproportionalität scheint in jüngerer Zeit zugenommen zu haben, dies ist allerdings kein Phänomen der letzten beiden Wahlen. Die Disproportionalität ist vielmehr gewünschter Teil des Wahlsystems, die zur Schaffung einer regierungsfähigen Mehrheit führt. Um die damit einhergehende Problematik der unterrepräsentierten Parteien zu betrachten, wird ein Blick auf die Stimmenanteile der beiden dominanten Parteien CON und LAB und die daraus resultierenden Sitzanteile sowie die Stimmen- und Sitzanteile der sonstigen Parteien geworfen.

Tabelle 3: Stimmen- und Sitzanteile der beiden dominanten und sonstigen Parteien

Jahr

1945

1950

1951

1955

1959

1964

1966

1970

1974

1974

CON+LAB Stimmenanteil

87,6

89,6

96,8

96,1

93,2

87,4

89,8

89,4

74,9

75

Sonstige Stimmenanteil

12,4

10,4

3,2

3,9

6,8

12,6

10,2

10,6

25,1

25

CON+LAB Sitzanteil

94,7

98,2

98,6

98,7

98,9

98,6

97,8

98,1

94,2

93,9

Sonstige Sitzanteil

5,3

1,8

1,4

1,3

1,1

1,4

2,2

1,9

5,8

6,1

Jahr

1979

1983

1987

1992

1997

2001

2005

2010

2015

CON+LAB Stimmenanteil

80,9

69,8

73,1

76,3

73,8

72,4

67,5

65,1

67,3

Sonstige Stimmenanteil

19,1

30,2

26,9

23,7

26,2

27,6

32,5

34,9

32,7

CON+LAB Sitzanteil

95,7

93,2

92,9

93,2

87,3

87,9

85,7

86,9

86,6

Sonstige Sitzanteil

4,2

6,8

7,1

6,8

12,7

12,1

14,3

13,1

13,4

Disproportionalität

                                                                                                                                                                                                                   Es wird deutlich, dass die beiden dominanten Parteien stets überrepräsentiert und sonstige Parteien unterrepräsentiert sind. Eine problematische Verzerrung der Repräsentation tritt immer dann auf, wenn, wie in jüngerer Zeit, sonstige Parteien (LD, UKIP) ihre Stimmenanteile drastisch erhöhen, aber trotzdem einen unverhältnismäßig kleinen Sitzanteil erringen, während auf der anderen Seite in regionalen Hochburgen (SNP) ein moderater Stimmenanstieg den Gewinn zahlreicher Sitze bedeutet. Wenn die beiden dominanten Parteien beinahe 100% der Stimmen auf sich vereinen, geht die Disproportionalität des Wahlsystems nicht zulasten kleinerer Parteien. Wenn sie jedoch, wie seit 2005 unter 70% der Stimmen erreichen und trotzdem über 80% der Sitze stellen, sind kleinere Parteien klar vom Wahlsystem benachteiligt. Besonders deutlich wird dies, wenn die Stimmen betrachtet werden, die die Parteien 2015 durchschnittlich benötigten, um einen Sitz zu erhalten.

Tabelle 4: Durchschnittlich nötige Stimmen für einen Sitz 2015

Partei

SNP

CON

LAB

LD

GP

UKIP

Stimmen für Sitz

26.000

40.000

40.000

299.000

1.160.000

3.880.000

Quelle: Wintour 2015: 15.

Mehrheitswahlsysteme und ihre Disproportionalität sind zunächst weder besser, noch schlechter als Verhältniswahlsysteme mit dem Ziel der möglichst exakten Repräsentation. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele. Problematisch wird ein stark disproportionales Mehrheitswahlsystem, wie das des Vereinigten Königreichs, dann, wenn es erstens seine ursprüngliche Funktion nicht mehr erfüllt, wie nach der Wahl 2010, als eine Koalition gebildet werden musste und es gleichzeitig zweitens zu starken Verzerrungseffekten in der Repräsentation kleiner Parteien führt. Einerseits werden Parteien mit geringem Stimmenanteil, der sich aber in regionalen Hochburgen konzentriert (SNP, PC, DUP, SF, SDLP, UUP) überrepräsentiert, andererseits werden Parteien mit mittlerem Stimmenanteil, der sich nicht in regionalen Hochburgen konzentriert, sondern sich über das Land verteilt (LD, UKIP), unterrepräsentiert. In einem solchen Fall kann es passieren, dass das Wahlsystem die negativen Seiten der Verhältniswahl (keine Mehrheitsbildung) und der Mehrheitswahl (verzerrte Repräsentation kleinerer Parteien) vereint. Die Diskussion um eine Veränderung des Wahlsystems dürfte nach der Wahl 2015 wieder an Bedeutung gewinnen.


Literatur:

Gallagher, Michael (1991): Proportionality, Disproportionality and Electoral Systems, in: Electoral Studies 10: 1, S. 33-51.

Lijphart, Arend (1999): Patterns of Democracy. Government Forms and Performance in Thirty-Six Countries, New Haven u.a.O.

Nohlen, Dieter (2009): Wahlrecht und Parteiensystem. Zur Theorie und Empirie der Wahlsysteme, Opladen u.a.O.

Wintour, Patrick (2015): Triumphant Cameron defies the polls in sweeping victory, in: The Guardian Weekly 192: 23, S. 14f.

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